PATRICK LIBÉRAL


REZENSION „RÉANIMÉ“ (VON SASCHA KOCH) // 08-06-2020


Fremdsprachige Raptexte zu verfassen ist eine Kunst für sich. Schon einige Wortakrobaten sind aufgrund des begrenzten Vokabulars und fehlender Ausdrucksstärke bei dem Versuch gescheitert, etwa ihren Idolen aus Übersee nachzueifern. Bewegt man sich als Deutscher MC dann von den gängigen USVorbildern weg hin zur französischen Sprache, wird die Angelegenheit für viele noch einmal eine Stufe anspruchsvoller.

 

Einer, der sich dieser Herausforderung inzwischen seit gut einem Jahrzehnt erfolgreich stellt, ist Patrick Libéral. In seiner Musik paart er seine Begeisterung für die legendären Oldschool-Sounds mit seiner Verwurzelung im deutsch-französischen Raum. Da stellt sich die Frage, ob sein aktuelles Album „Réanimé“ tatsächlich eine Wiederbelebung alter Strukturen ist oder gerade wegen der sprachlichen Eigenheiten eine frische Erweiterung der hiesigen Rapszene darstellt.

 

Die Antwort darauf ist simpel: beides. Schon mit den ersten Klängen der Platte schlagen einem klassische Rap-Klänge mit ordentlich Kick und Bass entgegen. Doch auch wenn die Oldschool-Fahne – samt Toni-L-Shoutout und Grüßen an Breaker und Sprayer – hier direkt zu Beginn sehr straight in die Luft gehalten wird, verschließt sich Patrick Libéral nicht vor alternativen Soundeinflüssen und Ansätzen. Ganz liberal eben. Das beweisen u.a. die rockigen Gitarren-Riffs und gesungenen Hooks, die sich immer wiederkehrend auf dem ganzen Album finden lassen und eine passende Fusion mit dem Oldschool-Sound eingehen. Ergänzend dazu wird Patrick auf einzelnen Songs von DJ Soundtrax mit starken Cuts und Scratches sowie von Stephan Weidt an der E-Gitarre unterstützt. Insgesamt gelingt dem gebürtigen Heidelberger der Spagat zwischen „1st French Rap N' Rock 3D-Anaglyph-Style“ und „Legendary 80s inspired Libéral French Rap Content“, wie er sein Crossover-Projekt selbst beschreibt – dadurch auf „Réanimé“ recht gut. Was vor allem am Vortrag liegt, mit dem er die klangliche Grundlage mit Leben füllt. Der Rapstil mag zunächst etwas eigenwillig klingen, sorgt aber vor allem für einen Wiedererkennungswert als Alleinstellungsmerkmal. So wechseln sich Stakkato-Flows mit langsameren Shout-Along-Passagen oder sanft vorgetragene mit druckvollen rausgedrückten Lyrics ab. Hinzu kommt, dass durch die sehr organische Abmischung der einzelnen Tracks ein warmer Live-Jam-Session-Charakter erzeugt wird, der es noch angenehmer macht, sich in die Texte einzufühlen. All dies geschieht im Wechsel zwischen Französisch, Deutsch und hin und wieder – ganz heimatverbunden – in kurpfälzischer Mundart. Hier kommt auch die Arbeit der Französin Élisabeth Baron zum Tragen, die zusammen mit dem MC seit 2009 dessen frankophone Texte verfeinert und auf diesem Release gleich zwei komplette, aussagekräftige Texte zu den Tracks "Pied de nez à la Faucheuse" und "J'le crois pas çui-là" beigesteuert hat. Inhaltlich gibt sich Patrick Libéral selbst dann auch recht nahbar, offen und abwechslungsreich. Da folgt beispielsweise auf den klassischen Self-Representer „Kings of D.M.C. DeLorean (1985)“ ein aktuell gesellschaftskritischer Titel wie „Dat Kölsch zischt“ oder die Ode an die Golden Era und das „Vinyl im Gepäck“ (prod. by Viktor Epp), um nur ein paar thematische Facetten zu nennen. Langeweile kommt so bei knapp 60 Minuten Spielzeit definitiv nicht auf, weil man auf jeder Ebene, musikalisch, technisch wie inhaltlich, permantent etwas Neues entdecken kann.

 

Mit seiner Musik füllt der „frankophile Reimespezialist“ Patrick Libéral auch auf dem neuen Album zwar mit Sicherheit primär eine spezielle, eher kleine Nische aus. Aber dies tut er auf eine so unverkrampfte und gleichzeitig durchdachte Art, dass „Réanimé“ einen guten Kontrapunkt zum aktuell vorherrschenden Soundbild der Szene bedeutet. Da muss man als französisch-ferner Hörer gar nicht zwingend jeden Reim verstehen, um die Energie und Hingabe zu erkennen, die neben dem aufwendigen Plattendesign eben vor allem in die Musik und Lyrics gegangen ist."

 

(Sascha Koch, Online-Redakteur, ehemals u.a. MZEE.com und rappers.in)